Der prä-emotionale Raum
1. Der Nullpunkt des Nervensystems
1.1 – Der Ursprung
Das Nervensystem eines Säuglings kann sich nicht selbst regulieren.
Seine Existenz basiert vollständig auf einem Dreiklang:
Bindung = Regulation = Überleben
Nur durch Kontakt – Blick, Stimme, körperliche Resonanz –
entsteht die erste innere Wahrheit:
„Ich bin da. Und ich werde gehalten.“
Doch dieses System ist unausgereift:
Wenn die Bindungsperson geht, existiert sie im Nervensystem des Kindes nicht mehr.
Der Übergang von Geborgenheit zu Verlust geschieht plötzlich:
1.2 – Der Bruch ist unausweichlich
Jeder Säugling erlebt Momente,
in denen Antwort und Halt fehlen.
Der prä-emotionale Bruch passiert bei jedem Menschen.
Die entscheidende Frage lautet nicht:
Gab es einen Bruch?
Sondern:
Wie tief war der Bruch – und wie lange blieb das Nervensystem darin allein?
Kann Bindung den Bruch früh wieder integrieren,
entwickelt sich ein reguliertes Nervensystem.
Bleibt die Trennung bestehen, setzt sich die Rohform von Entwicklungstrauma fest:
Existenz ohne Spiegelung.
Sein ohne Halt.
1.3 – Zwei zentrale Kernvarianten
Eine neue Sichtweise, die alles verändert:
→ prä-emotionale Leere
„Da ist niemand, der mich sieht.“
→ prä-emotionale Ohnmacht
„Da ist niemand, der mich trägt.“
Diese Zustände sind prä-emotional:
Sie entstehen vor jedem Gefühl und vor jedem Gedanken.
1.4 – Die Folgen dieses Bruchs bestimmen unser Leben
Weil das Nervensystem damals
ohne Antwort und ohne Halt zurückblieb, suchen wir heute:
Bedeutung und Spiegelung im Außen
(Bindungsseite: „Sag mir, dass ich Wert besitze.“)
Autonomie als Pseudo-Halt
(Autonomieseite: „Ich brauche niemanden.“)
Diese Strategien sind keine Fehler.
Sie waren Überleben.
Doch sie führen nie zurück
an den Ursprung der Wunde.
1.5 – Eine radikal neue Sichtweise
- Ohnmacht → Autonomiebruch
- Leere → Bindungsbruch
Diese Perspektive hat in der Psychologie bisher gefehlt.
Es geht nicht um Gefühle, sondern um das, was vor den Gefühlen zerbrach.
Originum zeigt:
- Leere und Ohnmacht sind keine Emotionen,
sondern prä-emotionale Nullpunkte des Nervensystems. - Entwicklungstrauma beginnt nicht bei Angst, Wut oder Trauer
oder dessen Unterdrückung – sondern vor ihnen. - Heilung kann nicht über die Geschichte oder Symptombehandlung erfolgen,
sondern ausschließlich am Ursprung der Trennung. - Während andere Ansätze Leere und Ohnmacht als Emotionen deuten,
markieren sie in Wahrheit den prä-emotionalen Ursprung,
aus dem alle Schutzmuster im Bindungskontext entstehen.
Der prä-emotionale Raum ist die vorsprachliche Sollbruchstelle,
an der Existenz erstmals ohne Spiegelung war.
Hier beginnt Entwicklungstrauma, das unsere gesamte Kultur durchströmt.
Und genau hier beginnt Heilung.
1.6 – Der Wendepunkt
Der Erwachsene bleibt heute dort,
wo sich das Kind früher verlassen musste.
Dort entsteht die neue Wahrheit:
„Ich bin da. Und ich bin haltbar.“
Das ist der Übergang:
von Überleben zu Selbstführung.
Ohnmacht und Leere – keine Gefühle.
Sondern prä-emotionale Zustände
vor jedem Gefühl. Sie sind der Boden,
wodurch Gefühle erst entstehen.
2 - Warum sekundäre Emotionen
die Wahrheit verdecken
Wir erleben heute: Angst. Wut. Trauer. Sehnsucht.
Wir halten sie für „die eigentliche Arbeit“.
Neurobiologisch jedoch sind sie Abwehrmechanismen:
Reaktionen auf einen frühkindlichen Haltverlust, nicht dessen Ursprung.
Bevor Gefühle entstehen können,
muss es Halt geben.
Fällt dieser Halt weg, fällt das Kind in ein prä-emotionales Desorganisations-Ereignis:
- Keine Antwort → prä-emotionale Leere
„Da ist nichts, das mich sieht.“ - Kein Halt → prä-emotionale Ohnmacht
„Da ist nichts, das mich trägt.“
Erst danach entwickelt das Gehirn emotionale Reaktionsschemata –
um diese Rohform von Haltverlust abzuwehren.
Sekundäre Emotionen schützen vor der Wahrheit
- Verlustangst schützt vor Leere
„Wenn du bleibst, habe ich Bedeutung.“ - Wut schützt vor Ohnmacht
„Wenn ich stark bin, trifft mich nichts.“ - Trauer schützt vor Bedeutungslosigkeit
„Wenn ich verliere, dann hatte es Wert.“
Diese Reaktionen sind nicht falsch.
Sie waren überlebensnotwendig.
Denn Leere und Ohnmacht
waren damals nicht haltbar.
Der prä-emotionale Raum musste abgespalten werden –
weil er sonst das Überleben gefährdet hätte.
Der Moment, in dem eine Frage alles entscheidet:
Bleibst du oder verlässt du dich?
Die Antwort ist: Ich bleibe.
Dort, wo ich mich sonst verliere.
Den Ursprung wiederfinden
Die Neurobiologie
der Nicht-Antwort
Sekundäre Emotionen wie Angst, Wut, Trauer oder Sehnsucht
werden oft als „das, was gefühlt werden muss“ betrachtet.
Doch neurobiologisch sind sie Abwehrmechanismen:
Reaktionen auf einen frühkindlichen Haltverlust,
nicht dessen Ursprung.
Bevor Emotionen existieren können,
muss es ein Nervensystem geben, das gehalten wird.
Fällt dieser Halt weg, bevor Gefühle entstehen können,
erlebt das Kind ein prä-emotionales Desorganisationsereignis:
- keine Antwort → Leere
- kein Halt → Ohnmacht
Erst nach diesem Zustand
entwickelt das Gehirn emotionale Reaktionsschemata,
um die unerträgliche Rohform von Haltverlust abzuwehren.
Emotion ist die Strategie,
nicht das Trauma.
Deshalb ist jede sekundäre Emotion
ein Schutz vor dem eigentlichen Bruch.
Beispiele:
- Angst schützt vor der Ohnmacht:
„Wenn ich mich fürchte, muss ich nicht fühlen, dass nichts mich hält.“ - Wut schützt vor Leere:
„Wenn etwas falsch ist, muss nicht ich leer sein.“ - Trauer schützt vor dem Haltverlust:
„Ich habe etwas verloren, also war es da.“ - Sehnsucht schützt vor der Nicht-Antwort:
„Ich brauche dich, damit ich existiere.“
Diese Reaktionen sind nicht falsch.
Sie waren überlebensnotwendig.
Doch sie verhindern,
dass die Wahrheit am Ursprung erreicht wird:
Emotionen vermitteln ein Gefühl von Bedeutung –
Ohnmacht und Leere nicht.
Darum hält das System an ihnen fest.
Sie erzeugen eine narrative Welt:
- „Ich werde verlassen.“
- „Ich bin nicht gut genug.“
- „Ich muss liefern.“
- „Ich brauche dich.“
Diese Geschichten sind nachträglich,
aber sie fühlen sich existenziell an,
weil sie ursprünglich Leben gerettet haben.
