Alltag &
Verkörperung

1.

Selbstkontakt –
Der unbemerkte Abbruch

Die fehlende Erinnerung

Diese Seite beschreibt keinen Idealzustand.

Sie beschreibt, wie Menschen tatsächlich leben,
ohne es zu bemerken.

Nicht, weil ihnen Einsicht fehlt.

Sondern weil der prä-emotionale Abbruch nicht erinnerbar ist.

Er wirkt – unterhalb von Denken, Gefühl und Entscheidung.

Viele Menschen erleben ihren Alltag so:

„Ich bin irgendwie da – aber nicht ganz.“

„Ich funktioniere, aber ich fühle mich nicht wirklich anwesend.“

„Ich merke erst im Nachhinein, dass ich mich verloren habe.“

„Ich weiß, dass nichts passiert ist – und trotzdem war ich weg.“

Das ist kein Drama. Das ist strukturelle Selbstabwesenheit.

Der Mensch erlebt nicht:

„Ich verlasse mich.“

Sondern:

„So bin ich halt.“

Der ursprüngliche Abbruch des Selbstkontakts war eine Überlebenslösung.

Deshalb fühlt er sich heute nicht wie ein Problem an.

Verkörperung beginnt nicht mit Regulation.

Sie beginnt in dem Moment, in dem dieser Abbruch überhaupt bemerkt werden kann.

Nähe vergrößert die Fläche, die Boden braucht.

Beziehung ist der Ort, an dem der fehlende innere Boden am deutlichsten spürbar wird.

Nicht, weil Beziehung falsch ist.

Sondern:

Nähe setzt Halt voraus.

Typische verdeckte Narrative:

„Wenn der andere der Richtige ist, bin ich stabil.“

„Ich reagiere nur so, weil er/sie etwas auslöst.“

„Ich brauche mehr Sicherheit von dir.“

„Allein kann ich damit nicht umgehen.“

„Er/Sie müsste anders sein.“

„Du bist zu viel – oder gibst mir zu wenig.“

Was sich darin zeigt, ist nicht Bindungsbedürftigkeit.

Denn nicht der Kontakt selbst ist überfordernd, sondern das innere Erleben im Kontakt.

Der unbemerkte Abbruch liegt hier:

Ich kann nicht halten, was im Kontakt geschieht.

Diese Wahrheit ist nicht zugänglich, weil das System früh lernte, Überleben zu organisieren.

Denn was ausgelagert wird, ist nicht Schuld – sondern Halt.

Wenn das Narrativ endet, entsteht die implizite Wende:

Heilung zeigt sich nicht darin, was du fühlst –
sondern darin, wie du bleibst.

Wenn „Bleiben“ die Referenz setzt

Was sich hier zu verändern beginnt,
ist nicht das Gefühl – sondern die Struktur.

Nicht weniger Aktivierung ist das Zeichen von Heilung.

Sondern mehr Halt mitten darin.

Wenn ein Mensch bleibt, wo er sich früher verlassen hat,
lernt der Organismus etwas grundlegend Neues:

Aktivierung ist haltbar.
Ungewissheit ist kein Bindungsabbruch.
Selbstkontakt muss nicht mehr abbrechen.

Beziehung wird dadurch nicht sicher,
aber sie wird tragfähig.

Bleiben fordert, weil es den bisherigen Standpunkt entlarvt.
Doch ohne Bleiben greift Reinszenierung.

2.

Schutzorganisation |

Selbsttest

Welche Schutzstruktur führt dich?

Diese Selbstverortung ist kein Persönlichkeitstest.

Sie fragt nicht, wie du bist.

Sondern wie du dich stabilisierst, wenn innere Not entsteht.

Beantworte die Frage nicht aus dem Kopf.

Beantworte sie aus dem Moment,
in dem Spannung, Nähe oder Konflikt auftauchen.

Die primäre Bewegung erkennen:

Wenn innere Aktivierung entsteht –
was tust du?

Ich gehe näher ran.

Ich suche Klärung, Kontakt, Verbindung, Antwort.

Ich nehme mich raus.

Ich brauche Abstand, Raum, Zeit, Kontrolle.

Dieser erste Impuls ist keine Entscheidung –
sondern bereits Organisation.

Organisation über Beziehung (Bindungsbruch)

→ Verschmelzungsstruktur

Organisation über Abgrenzung (Autonomiebruch)

→ Flucht- und Kontrollstruktur

Organisation: Verschmelzung

Annäherung / Anpassung

Kernbewegung:

Ich stabilisiere mich durch den anderen.

Du erkennst dich hier, wenn:

Ich verliere meine eigene Meinung, wenn mir jemand wichtig ist.

Ich warte auf eine Antwort, um zu wissen, wo ich stehe.

Alleinsein fühlt sich unvollständig oder leer an.

Ich funktioniere, um Verbindung zu sichern.

Ich orientiere mich an der Meinung anderer.

Ich stelle meine Bedürfnisse zurück.

Nähe beruhigt mich kurzfristig – kostet mich aber langfristig.

Kernsatz:

Ich brauche dich, um mich zu spüren.

Ich erlebe Wert durch deinen Blick auf mich.

Ontologischer Kern:

Nicht Einsamkeit – sondern das Kollabieren innerer Bedeutsamkeit.

Somatische Reorientierungssätze innerer Präsenz:

Nähe beginnt in mir – nicht in dir.

Ich kann bei mir bleiben.
Und du bist auch da.

Organisation: Flucht

Rückzug / Überforderung

Kernbewegung:

Ich stabilisiere mich durch Abstand.

Du erkennst dich hier, wenn:

Nähe fühlt sich schnell „zu viel“ an.

Rückzug passiert automatisch – nicht als Entscheidung.

Ich brauche Raum, um mich überhaupt wahrzunehmen.

Alleinsein erscheint mir oft sicherer.

Aktivierung wird sofort als Gefahr erlebt.

Ich verliere Kontakt, um stabil zu bleiben.

Kernsatz:

Ich wünsche mir Nähe – und kann sie nicht halten.

Wenn ich bleibe, wird es zu viel.

Ontologischer Kern:

Nicht Bindungsangst – sondern nicht haltbare Aktivierung.

Somatische Reorientierungssätze innerer Präsenz:

Ich halte mich – auch wenn es eng wird.

Sicherheit beutetet nicht, wegzugehen.
Sicherheit bedeutet: Ich kann bleiben.

Organisation: Kontrolle

Dominanz / Abwehr

Kernbewegung:

Ich stabilisiere mich durch Kontrolle.

Du erkennst dich hier, wenn:

Ich vertraue mir mehr als der Beziehung.

Ich halte Menschen emotional auf Distanz.

Ich werde hart, wenn es weich wird.

Nähe löst sofort Aktivierung aus.

Ich werte andere ab.

Ich muss „oben“ bleiben, um nicht zu fallen.

Ich lebe in Kampf und Härte mit mir.

Kernsatz:

Nur wenn ich kontrolliere, bin ich sicher.

Ohne Kontrolle droht der Einsturz.

Ontologischer Kern:

Nicht Macht – sondern verdrängte Ohnmacht.

Somatische Reorientierungssätze innerer Präsenz:

Ich stehe – ohne zu greifen.

Ich muss niemanden beherrschen.
Ich falle nicht.

3.

Alltagstransfer der Verortung

Verschmelzung (1)

Nähe wird hier nicht als Begegnung erlebt,
sondern als Verschiebung der eigenen Existenz.

Sobald Kontakt entsteht, verlagert sich der innere Bezugspunkt nach außen. Nicht, weil man das so will –
sondern weil es keine innere Referenz gibt, die trägt. Diese Bewegung ist nicht erlernt, sie ist gesetzt.

Sie entstand dort,
wo Beziehung nur über Funktion möglich war.
Wo Dasein nicht genügte.
Wo Existenz sich erst herstellen musste.

Im Alltag zeigt sich das nicht als Angst oder Bedürftigkeit,
sondern als permanente Ausrichtung auf den anderen.

Der innere Maßstab fehlt.
Was stimmig ist, wird nicht von innen geprüft,
sondern außen gespiegelt.

Nähe wird dadurch mit Bedeutsamkeit verwechselt.

Nicht im emotionalen Sinn, sondern existenziell:
Bin ich hier gemeint? Zähle ich? Habe ich Platz?

Diese Fragen werden nicht gestellt. Sie strukturieren das Verhalten.

So entsteht Beziehung ohne Selbstkontakt.

Kontakt findet statt – aber ohne inneren Standpunkt. Der andere wird nicht als Gegenüber erlebt, sondern als Referenzfläche. Was dabei verloren geht, wird nicht bemerkt.

Denn diese Selbstverlassenheit war der Preis für Beziehung –
und wurde früh zur Grundbedingung von Kontakt.

Der eigentliche Schmerz liegt nicht im möglichen Verlust des anderen. Er liegt in der Abwesenheit von Selbstbezug, die Nähe überhaupt erst ermöglicht.

Der Abbruch ist nicht die heutige Verlustangst.
Die Selbstverlassenheit ist es.

Präsenz beginnt nicht damit, Nähe zu regulieren.

Sie beginnt dort, wo ich bemerke:
Ich bin schon lange nicht mehr bei mir –
und halte das für Beziehung.

Die Präsenz innerer Verortung (1)

Verschmelzungsstruktur

Beziehung beginnt dort, wo Existenz nicht mehr abgesichert werden muss.

Kein Angstmanagement. Keine Sicherungsgespräche.

Der Erwachsene setzt die Antwort, die einst fehlte.

Ich bin bedeutsam – ohne Funktion.

Ich bleibe bei mir, auch wenn Nähe da ist.

Ich trage meine innere Bewegung selbst,
statt sie in Beziehung hineinzulegen.

Das System lernt nicht durch Einsicht, sondern durch erlebte Konsequenz:

Ich bin bedeutsam – ohne äußere Spiegel.

Ich muss mich um niemanden kümmern.

Die Welt braucht meine Hilfe nicht.

Ich darf bei mir bleiben.

Nicht alles, was in mir geschieht, ist Beziehung.

Beziehung wird stabil, wenn ich bei mir bleibe.
Auf diese Weise setze ich Boden, statt ihn zu suchen.

Rückzug / Flucht (2)

Nähe wird hier nicht als Begegnung erlebt, sondern als Zuviel.

Nicht im emotionalen Sinn – sondern als Überschreitung der inneren Tragfähigkeit. Kontakt berührt einen Punkt, an dem Präsenz einst unmöglich war. Diese Reaktion ist kein Entschluss und keine Abwehr.

Sie entsteht dort, wo Dasein unter Übermaß zusammengebrochen ist. Wo nichts gehalten werden konnte.
Wo Selbstbezug nicht verschwand, aber Wirksamkeit kollabierte.

Im Alltag zeigt sich das als innere Entfernung.
Nicht dramatisch, oft kaum erkennbar.

Der Körper bleibt, der Blick bleibt –
aber Präsenz zieht sich zurück.

Spannung wird nicht beantwortet, sondern vermieden.
Fragen bleiben unausgesprochen.
Nähe wird nicht gestaltet, sondern unterlaufen.

Der andere erscheint dabei nicht als Gegenüber, sondern als potenzielle Überforderung.

Nicht, weil er/sie zu viel ist – sondern weil die erwachsene Instanz fehlt, die bleiben könnte.

Es ist ein innerer Ausstieg – der äußere Rückzug das Resultat.

Der eigentliche Schmerz liegt nicht im Alleinsein.

Er liegt in der Ohnmacht, die entsteht, wenn Nähe eine innere Bewegung auslöst – und niemand da ist, der sie trägt.

Flucht ist keine Distanz zum anderen.
Flucht ist Distanz zum eigenen Dasein im Kontakt.

Präsenz beginnt nicht mit Konfrontation.

Sie beginnt dort, wo ich im Moment der Aktivierung nicht aussteige.
Wo ich bleibe, während alles in mir sagt: Es ist zu viel.

Die Präsenz innerer Verortung (2)

Fluchtstruktur

Ich überprüfe, ob die Bedrohung real ist oder projiziert.

Und ich erlebe, dass Aktivierung heute kein Übermaß mehr bedeutet.

Der Erwachsene setzt Präsenz im Schwellenmoment.

Ohnmacht übernimmt, weil ich nicht anwesend bin.

Ich kann bei mir bleiben – und trotzdem in Verbindung.

Innere Ankersätze erlebter Konsequenz:

Damals war es zu viel – heute ist es das nicht mehr.

Der andere will mich nicht vereinnahmen.

Ich kann nachfragen, statt zu fliehen.

Aktivierung ist keine Gefahr.

Ohnmacht übernimmt nur, wenn ich aussteige.

Heute bleibe ich – in jedem Moment etwas mehr.

Ich kann in Kontakt bleiben,
anstatt Rückzug auszuleben.

Kontrolle (3)

Nähe wird hier nicht als Begegnung erlebt, sondern als Gefährdung der eigenen Standfestigkeit.

Kontakt ist nur möglich, solange Position gewahrt bleibt. Sobald Beziehung berührt, was nicht beherrschbar ist, wird sie zur Bedrohung. Diese Struktur lebt nicht im Rückzug, sondern im Vornebleiben.

Sie bleibt im Kontakt – aber nur aus der Höhe. Nicht, um zu verbinden, sondern um nicht berührt zu werden.

Im Alltag zeigt sich das als Härte, Dominanz, Abwertung.

Sich selbst gegenüber. Dem anderen gegenüber.
Nicht impulsiv, sondern präzise.

Alles, was Nähe weich machen könnte, wird früh erkannt und abgewehrt.

Emotionen werden entwertet.
Unsicherheit wird lächerlich gemacht.
Abhängigkeit wird verachtet.
Verletzlichkeit gilt als Schwäche.

Der andere wird nicht als Gegenüber erlebt, sondern als potenzieller Zugriff auf Ohnmacht.

Beziehung ist erlaubt – solange sie kontrollierbar bleibt.

Was hier entsteht, sieht nach Stärke aus.

Nach Souveränität. Nach Autonomie.
Doch es ist eine Festung. Und jede Festung ist ein Gefängnis.

Diese Struktur schützt nicht vor Beziehung – sie schützt vor dem Punkt, an dem Wirksamkeit einst zerstört wurde.

Nicht als Gefühl, sondern als existenzielle Setzung:
Wenn ich berührbar bin, falle ich.

Darum wird Kontrolle total. Darum wird Nähe reguliert.
Darum wird der andere im Zweifel entwürdigt, bevor eigene Ohnmacht spürbar werden kann.

Was hier geschieht, ist keine Machtausübung.
Es ist ein inneres Notversprechen:
Das passiert mir nie wieder.

Präsenz beginnt nicht mit Weichheit.

Sie beginnt dort, wo die Festung nicht weiter ausgebaut wird.

Wo Spannung gehalten wird, ohne den anderen zu zerstören –
und ohne sich selbst zu verhärten.

Die Präsenz innerer Verortung (3)

Kontrollstruktur

Ich halte Spannung aus, ohne sofort handeln zu müssen.

Ich erkenne:
Nicht jede Bewegung braucht eine Reaktion.

Der Erwachsene erkennt die innere Bewegung – statt sie auszuagieren.

Hinter meiner Kontrolle steht Ohnmacht –
die nie Halt und Ausdruck erfahren hat.

Ich gebe mir Raum, der mir einst genommen wurde.

Der Maßstab erlebter Konsequenz:

Ich muss das jetzt nicht lösen.

Ich erkenne: Ohnmacht führt Kontrolle.

Heute droht nichts mehr.

Ich darf hier sein, ohne wirksam zu sein.

Niemand kann mich entwürdigen – wenn ich es nicht selbst tue.

Ich falle nicht.

Niemand will mir etwas.
Nicht-Ausagieren zeigt meine Standfestigkeit im Kontakt.

4.

Was Nähe wirklich ist

Die natürliche Ordnung

Nähe ist kein Zustand. Nähe ist kein Gefühl.

Nähe ist ein Raum, der nur dort entsteht, wo zwei Menschen gleichzeitig bei sich sind.

Nicht angepasst. Nicht zurückgezogen. Nicht gepanzert.

Sie entsteht dort, wo niemand mehr versucht, sich über Beziehung zu stabilisieren.

Nähe beginnt dort, wo Selbstkontakt nicht mehr abbricht.

Ich verliere mich nicht im anderen.
Ich ziehe mich nicht zurück.
Ich halte mich nicht über Härte aufrecht.

Ich bin da – ohne mich zu verschieben.

Nähe braucht keine Absicherungsgespräche.

Sie muss nicht geklärt, gehalten oder reguliert werden.

Sie trägt sich selbst, weil sie nicht mehr dazu dient,
innere Unsicherheit auszugleichen.

In diesem Raum kann alles kommuniziert werden.
Nicht, weil Kommunikation etwas lösen müsste,
sondern weil sie nichts mehr absichern muss.

Ist das ein Idealzustand?

Es ist die natürliche Ordnung des Nervensystems, wenn die Überlebenslogik endet.

Verlustangst und Selbstverlust greifen nicht mehr, weil niemand mehr da ist, der sich selbst verlässt.

Innere Verortung stellt Selbstkontakt her, der nicht mehr wegbricht.

Emotionen dürfen wieder Ausdruck finden – ohne sofort in frühere Zustände zurückzuführen.

Der Überlebenskampf endet. Und damit entsteht Realitätsbezug.

Bedürfnisse sind weder falsch noch gefährlich für den Bindungserhalt – weil Realitätsbezug anstelle der Bedrohungsszenarien tritt.

Grenzen sind lebbar.

Kein Helfen, das aus Selbstverlust entsteht.
Kein Interpretieren des Gegenübers, weil Klarheit die Zuständigkeit ordnet.

Damit endet auch das Notprogramm:

Entweder Ich oder Beziehung. (Autonomiestruktur)
Entweder Allein oder Wir. (Bindungsstruktur)

Verortung bedeutet, bei sich bleiben zu können.

Und Beziehung ist der Raum, das zu leben.

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Die innere Verortung ist ein eigenständig entwickeltes, tiefenpsychologisch-symbolisches Modell zur Verortung von Entwicklungstrauma, Selbstverlassenheit – und der daraus möglichen Rückkehr zu sich selbst.
 
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© Julian Hartmann, 2026